Der Einzelhandel in Österreich: Ein Pulverfass kurz vor der Explosion?
Die österreichische Wirtschaft steht vor großen Herausforderungen, und der Einzelhandel ist dabei kein unbeschriebenes Blatt. Laut dem neuesten Konjunkturreport des WIFO und des Handelsverbands bleibt die wirtschaftliche Lage angespannt, obwohl der Juni 2025 mit einem leichten Umsatzplus überraschte. Doch ist das wirklich ein Lichtblick oder nur die Ruhe vor dem Sturm?
Ein kurzer Blick zurück: Wie kam es dazu?
Um die aktuelle Situation zu verstehen, müssen wir einen Blick in die Vergangenheit werfen. Die österreichische Wirtschaft hat in den letzten Jahren einige Turbulenzen durchlebt. Während der Pandemie brachen die Umsätze vieler Einzelhändler drastisch ein. Die darauf folgenden Jahre waren geprägt von einer schwachen Erholung, die durch steigende Energiepreise und globale Lieferengpässe weiter gebremst wurde.
Experten wie Jürgen Bierbaumer, ein angesehener Ökonom beim WIFO, warnen schon lange vor den strukturellen Problemen. „Die hohen Energiekosten und die steigenden Personalkosten setzen den Einzelhandel massiv unter Druck. Ohne grundlegende Reformen wird sich die Situation nicht verbessern“, so Bierbaumer.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Ein schleichender Niedergang?
Im zweiten Quartal 2025 stieg die gesamtwirtschaftliche Leistung nur um magere 0,1% im Vergleich zum Vorquartal. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Erholung der Wirtschaft alles andere als stabil ist. Auch wenn die Einzelhandelsumsätze im Juni um 3,6% zulegten, bleibt die Dynamik insgesamt schwach.
Besonders alarmierend ist der Anstieg der Insolvenzen. Im zweiten Quartal wurden 185 Insolvenzen im Handel eröffnet – ein Plus von 6,9% im Vergleich zum Vorjahr. Das bedeutet, dass mehr als zwei Unternehmen pro Tag ihre Türen schließen mussten. Diese Entwicklung ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass viele Händler mit dem Rücken zur Wand stehen.
Inflation: Der unsichtbare Feind
Ein weiterer Faktor, der den Einzelhandel belastet, ist die hohe Inflation. Im Juli 2025 lag die Inflationsrate in Österreich bei 3,7%, weit über dem Durchschnitt des Euro-Raums von 2,0%. Besonders die Ausgabengruppe Wohnen, Wasser und Energie trieb die Preise in die Höhe.
„Die Inflation ist der unsichtbare Feind, der die Kaufkraft der Konsumenten zersetzt. Wenn die Menschen mehr Geld für Grundbedürfnisse ausgeben müssen, bleibt weniger für den Konsum übrig“, erklärt Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands.
Vergleich mit Deutschland: Warum steht Österreich schlechter da?
Ein Vergleich mit unserem Nachbarland Deutschland zeigt, dass die Situation in Österreich besonders dramatisch ist. Während die Nahrungsmittelpreise in Österreich langsamer steigen als in Deutschland, ist die allgemeine Inflation hierzulande deutlich höher. Diese Diskrepanz zeigt, dass strukturelle Probleme in Österreich besonders ausgeprägt sind.
In Deutschland konnten sich viele Einzelhandelsbranchen schneller erholen, was vor allem auf gezielte staatliche Unterstützungsmaßnahmen zurückzuführen ist. In Österreich hingegen fehlt es oft an der nötigen politischen Unterstützung, um den Einzelhandel nachhaltig zu stärken.
Die Auswirkungen auf den Bürger: Ein Teufelskreis?
Für den durchschnittlichen österreichischen Bürger bedeutet diese Entwicklung vor allem eines: Unsicherheit. Die steigenden Preise und die drohenden Insolvenzen führen dazu, dass viele Menschen ihre Ausgaben zurückschrauben müssen. Dies wiederum schwächt die Nachfrage und setzt den Einzelhandel weiter unter Druck – ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist.
„Viele meiner Kunden überlegen sich inzwischen zweimal, bevor sie größere Anschaffungen tätigen“, berichtet ein lokaler Einzelhändler aus Wien. „Die Unsicherheit ist allgegenwärtig, und das spüren wir jeden Tag.“
Zukunftsausblick: Hoffnungsschimmer oder düstere Wolken?
Trotz der besorgniserregenden Zahlen gibt es auch leichte Hoffnungsschimmer. Das Verbrauchervertrauen erreichte im Juli den höchsten Wert seit neun Monaten, auch wenn es weiterhin im pessimistischen Bereich liegt. Dies zeigt, dass die Konsumenten langsam wieder optimistischer werden.
Für das Jahr 2026 erwartet das WIFO eine leichte Erholung der privaten Konsumausgaben. Die Sparquote bleibt allerdings hoch, was auf eine anhaltende Vorsicht der Verbraucher hindeutet. Jürgen Bierbaumer prognostiziert: „Erst 2026 könnte die Ausgabenbereitschaft der privaten Haushalte auf breiterer Basis zunehmen.“
Politische Maßnahmen: Ein Spiel auf Zeit?
Um den Einzelhandel langfristig zu stabilisieren, sind gezielte politische Maßnahmen erforderlich. Rainer Will fordert deshalb ein Level Playing Field im Onlinehandel und Maßnahmen zur Unterstützung kleiner Handelsbetriebe. „Ohne diese Maßnahmen wird das wirtschaftliche Comeback nach drei Rezessionsjahren schwer zu realisieren sein“, warnt Will.
Die Regierung steht vor der Herausforderung, diese Maßnahmen schnell und effektiv umzusetzen. Doch bisher fehlt es an konkreten Plänen, wie der Einzelhandel nachhaltig gestärkt werden kann.
Fazit: Ein ungewisser Weg voraus
Der österreichische Einzelhandel steht an einem Scheideweg. Die kommenden Monate werden entscheidend dafür sein, ob es gelingt, die Weichen für eine nachhaltige Erholung zu stellen. Ohne gezielte Maßnahmen droht ein weiterer Abwärtstrend, der nicht nur die Händler, sondern auch die Konsumenten hart treffen würde.
Die Zeichen stehen auf Sturm, und es bleibt abzuwarten, ob die Politik rechtzeitig reagiert, um das Ruder herumzureißen. Eines ist jedoch sicher: Die nächsten Monate werden zeigen, ob der Einzelhandel in Österreich den Sprung aus der Krise schafft oder weiter in den Abgrund rutscht.